Oral History - Lehre/Forschung - Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich - www.afz.ethz.ch
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Oral History

© Archiv für Zeitgeschichte
Der Holocaust-Überlebende Ladislaus Löb im Gespräch mit Archivleiter Gregor Spuhler am ETH-Kulturerbetag vom 03.06.2018

(s.a. Praxistipps zur Oral History)

Bedeutung von Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen

Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen haben für die Zeitgeschichte besondere Bedeutung. Sie geben aus der Sicht des Individuums Aufschluss darüber, wie Menschen Geschichte gestalteten und erlitten; sie enthalten Informationen, die sich in keinen schriftlichen Dokumenten finden; und sie machen deutlich, dass Erinnern ein Konstruktionsprozess ist, der seinerseits historischer Veränderung unterliegt. Oral History-Interviews sind also eine wichtige Ergänzung zur schriftlichen Überlieferung. Wo es keine schriftlichen Dokumente gibt oder diese der Forschung (noch) nicht zugänglich sind, bilden die Aussagen der damals Beteiligten oft die einzigen Quellen. Weil wir im privaten wie im geschäftlichen Leben immer weniger Dinge in herkömmlicher Weise auf Papier schriftlich festhalten und die Archivierung digitaler Kommunikation (E-mails, Social Media) noch in den Anfängen steckt, erhalten Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen als persönliche Selbstzeugnisse zusätzliche Bedeutung.

Interviews des Archivs für Zeitgeschichte

Seit 1973 führt das Archiv Kolloquien mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen durch und zeichnet diese auf. Die über 160 Gespräche mit zumeist bekannten Persönlichkeiten vor geladenem Publikum finden sich in der Sammlung Tondokumente Zeugen der Zeit. Von 2005 bis 2012 ermöglichte die Dokumentationsstelle Jüdische Zeitgeschichte aus Anlass des Holocaust-Gedenktags 28 Begegnungen zwischen Schulklassen und Holocaustüberlebenden. Die dabei entstandenen mündlichen Berichte der Überlebenden sind als Tondokumente und als Videomitschnitte dokumentiert. 2015/16 wurden im Auftrag des Archivs biografische Interviews mit 24 Jüdinnen und Juden in der deutschen Schweiz und der Romandie geführt. Im Rahmen eines Forschungsseminars, das im Frühjahrssemester 2019 in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel durchgeführt wurde, interviewten fortgeschrittene Master-Studierende zwölf Holocaustüberlebende in der ganzen Schweiz. Diese Interviews wurden im AfZ als Tondokumente LV Basel 2019 archiviert. Dazu kommen zahlreiche Einzelinterviews, die im Kontext der drei Sammlungsschwerpunkte Politik, Wirtschaft und Jüdische Zeitgeschichte stehen und oftmals Bezüge zu Archivbeständen haben.

Interviews in Archivbeständen

Unter den rund 3000 Ton-, Film- und Videodokumenten des Archivs für Zeitgeschichte finden sich auch in Nachlässen und institutionellen Beständen zahlreiche Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Die grösste Sammlung umfasst 75 Videointerviews des Vereins humem mit Schweizerinnen und Schweizern, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Hilfe engagierten. Übernommen wurden auch die Interviews, die der Regisseur Eric Bergkraut im Auftrag der Gamaraal Foundation für die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» führte. Zudem werden regelmässig Forschungsdokumentationen mit Oral History-Interviews übernommen. Damit stellt das Archiv sicher, dass die Rohdaten interviewbasierter Forschungsprojekte überprüfbar und für weitere Auswertungen zugänglich sind. Historikern und Historikerinnen, die ein Oral History-Projekt planen und ihre Interviews langfristig sichern möchten, stellt das Archiv für Zeitgeschichte Praxistipps zur Oral History zur Verfügung.