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Bd. 9: Bürger und Juden


Erich Keller: Bürger und Juden. Die Familie Wyler-Bloch in Zürich 1880-1954. Biografie als Erinnerungsraum. Veröffentlichungen des Archivs für Zeitgeschichte ETH Zürich, Band 9, Chronos Verlag, Zürich 2015. 384 S.

Dem Tuchhändler Joseph Wyler aus dem ländlichen Aargau und dem Anwalt Martin Bloch aus St. Gallen gelingt im bürgerlichen Zürich des späten 19. Jahrhunderts ein sozialer Aufstieg, wie er noch ihren Eltern verwehrt gewesen war. Als Unternehmer und Selbständige nehmen sie im boomenden Wirtschaftszentrum die über Jahrhunderte verweigerte Integration in die eigenen Hände: Sie werden Bürger und bleiben Juden. Ihren politischen Ambitionen im Freisinn jedoch wird eine Abfuhr erteilt.

1925 gehen die beiden Familien Wyler und Bloch zusammen. Hugo Wyler, Sohn des Tuchhändlers, heiratet Gertrud "Trudy" Bloch, die Tochter des Anwalts. Doch längst ist alles instabil geworden. Gegen den Druck der Familie wird Trudy Wyler-Bloch Zionistin. Ihr Mann gründet mit Martin Bloch eine Kanzlei und wird bald darauf Honorarkonsul von Monaco. Politische Wirren rund um Martin Bloch bringen die gemeinsame Anwaltskanzlei aber in arge Schieflage, und der Zweite Weltkrieg setzt auch dem Tuchhandel schwer zu. Im Aktivdienst sehen jüdische Männer wie Hugo Wyler oder sein Schulfreund, der Schriftsteller Kurt Guggenheim, die Möglichkeit, die unvollständige Emanzipation ihrer Vätergeneration zu vollenden, während Trudy Wylers Blick auf Palästina gerichtet bleibt.

Auf inspirierende Weise werden in dieser Kulturgeschichte des Sozialen die Beziehungen und Brechungen schweizerisch-jüdischer Selbstentwürfe zweier Generationen sichtbar gemacht.

Erich Keller hat Geschichte und Deutsche Literaturwissenschaft studiert. Er arbeitet als Publizist und Historiker in Zürich.

Online Quellen zum Buch

Anlässlich der neuen Veröffentlichung macht das Archiv für Zeitgeschichte eine Auswahl von Quellen aus dem Nachlass von Hugo und Trudy Wyler-Bloch zugänglich:

Hochzeit

Die Feier: Zwischen den Gängen des opulenten Festmahls präsentieren Hochzeitsgäste Darbietungen. Die hier vermittelten Beiträge illustrieren den optimistischen Erwartungshorizont ebenso wie die Ironie zweier etablierter jüdisch-bürgerlicher Familien.
 

  Familienfilm: Ein eigens für das Fest hergestellter Stummfilm, in dem die Hochzeitsgäste in komödiantische Rollen schlüpfen. Schon hinsichtlich der aufwendigen Herstellung eine Rarität, bietet der Film ein seltenes privates Stimmungbild für die "Goldenen Zwanziger".

Lebenserinnerungen

Lebenserinnerungen von Martin Bloch: 1943 im Hinblick auf eine nie realisierte Veröffentlichung verfasst, liefern die Lebenserinnerungen und Betrachtungen weit mehr als nur "Memoiren" eines in seiner Zuversicht schwer erschütterten jüdischen Schweizers.

Fundstücke

 Fundstücke aus dem Familienarchiv: Theodor Pfister argumentiert 1915 für die Aufnahme von Juden in die Burschenschaft, Hugo Wyler erklärt 1935 das Selbstverständnis der Augustin Keller Loge, Trudy Wyler berichtet 1951 von ihrer Reise nach Israel.

 

Film zum Bau und zur Grundsteinlegung des Gemeindehauses der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), 1938-1939 (ICZ-Archiv)