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Schweizer in Berlin 1933-1989

© Archiv für Zeitgeschichte (Nachlass Paul David)
'Der Gesandte': Minister Hans Frölicher während des Zweiten Weltkriegs in Berlin (Nachlass Paul David)

Für die europäische Zeitgeschichte ist Berlin zum Symbol geworden: Die deutsche Metropole steht für die Herrschaft der Nationalsozialisten ebenso wie für die anschliessende Teilung Europas in Ost und West. Was erlebten Schweizer Diplomaten, Journalisten und Gelehrte in Berlin? Was berichteten sie über Deutschland und die Deutschen? Und woran erinnerten sie sich im Rückblick auf ihre Berliner Jahre? Antworten gab eine Ausstellung des Archivs für Zeitgeschichte anlässlich des Schweizerischen Archivtags 2007.

Die Ausstellung

Aus Anlass des Schweizerischen Archivtags lud das Archiv für Zeitgeschichte am 17. November 2007 die interessierte Öffentlichkeit ein, Zeitgeschichte hautnah zu erleben. Im Zentrum stand das Thema Schweizer in Berlin zwischen 1933 und 1989.

Das Angebot des Archivtags wurde von 170 Besucherinnen und Besuchern intensiv genutzt, sowohl die Tonbildschau und Ausstellung zum Schwerpunktthema, als auch das Kellerkino, wo Filmbeiträge zu Berlin und zum Wahl-DDR-Schweizer Marcel Brun (bekannt unter dem Künstlernamen Jean Villain) gezeigt wurden. Zahlreiche Gelegenheiten zum persönlichen Gespräch und Austausch boten sich beim Besuch der Cafeteria oder in den Magazinräumen. Dort präsentierten Mitarbeitende des Archivs anhand ausgewählter Quellen dessen Themenschwerpunkte und beantworteten Fragen des Publikums.

Auch in der Presse (s. Artikel in ETH life) und den elektronischen Medien fand der Archivtag eine erfreulich breite Resonanz. So hatten Hörerinnen und Hörer von Radio DRS 2 Gelegenheit, den Zeitzeugen des Themenschwerpunkts "Schweizer in Berlin" in der Sendung "Kontext" vom 16.11.2007 schon im Vorfeld des Archivtags zu begegnen.

Die Zeitzeugnisse

Berlin und ganz besonders die schweizerische Gesandtschaft, die 1938 bis 1945 von Hans Frölicher geleitet wurde, stand mehrfach im Zentrum der gegen 150 Kolloquien, die das Archiv für Zeitgeschichte seit 1973 mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen durchgeführt hat. Anlässlich des Schweizerischen Archivtags präsentierte es in einer Tonbildschau Ausschnitte aus fünf Kolloquien und einer Radiosendung von DDR 2.

Zu Wort kamen diese Zeitzeugen:

1. Hermann Böschenstein (1905-1997), Zeitzeugnis vom 25.9.1974

Der Journalist Hermann Böschenstein kam 1935 als Korrespondent für die Basler Nachrichten nach Berlin. 1937 wurde er ausgewiesen. Im Zentrum seiner damaligen Berichte stand die innere Verfassung des Regimes. Während seiner Zeit in der Reichshauptstadt wurden die Nürnberger Rassegesetze erlassen, das Rheinland besetzt und die Aufrüstung begonnen. Mit Hinweisen auf die Verfolgung der katholischen Kirche versuchte er vergeblich, dem Aussenminister Bundesrat Giuseppe Motta den verbrecherischen Charakter des Regimes klar zu machen.

2. Urs Schwarz (1905-1996), Zeitzeugnis vom 4.2.1981

Der Journalist Urs Schwarz wurde 1940 als Nachfolger des ausgewiesenen Reto Caratsch Deutschland-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und blieb bis 1942 in Berlin. Für die Informationsbeschaffung war die Schweizer Gesandtschaft mit Ausnahme wirtschaftlicher Fragen ein unergiebiger Gesprächspartner. Neben den Presseabteilungen der Reichspropagandaministeriums und des Auswärtigen Amtes waren die Kontakte zu anderen ausländischen Journalisten wichtig, um an Informationen im nationalsozialistischen Deutschland zu gelangen.

3. Max König (1910-1997), Zeitzeugnis vom 27.10.1993

Der Diplomat Max König (1939-1945 in Berlin) berichtet über den Schweizer Gesandten Hans Frölicher und dessen autobiographische Schrift "Meine Aufgabe in Berlin", die nie veröffentlicht und später lediglich als Rechtfertigungsversuch angesehen wurde. Unmittelbar nach Kriegsende wurde er zusammen mit dem Schweizer Delegationsrat Alfred Zehnder von den Sowjets aus Berlin über Moskau und die Türkei nach Bern gebracht.

4. Felix Schnyder (1909-1992), Zeitzeugnis vom 29.5.1985

Der Diplomat Felix Schnyder war zwischen 1949 und 1954 verantwortlicher Chef der bei den vier alliierten Besatzungsmächten akkreditierten schweizerischen Delegation in Berlin. Die Rückschaffung der in der Schweiz internierten sowjetischen Soldaten war für die aussenpolitisch isolierte Schweiz eine Möglichkeit, nach einem gescheiterten ersten Versuch mit der Sowjetunion endlich diplomatische Kontakte zu knüpfen. Die Hauptaufgabe der Schweizer Gesandtschaft war während der Amtszeit von Felix Schnyder die Betreuung der schweizerischen Rückkehrer und der Auslandsschweizer in der "Ostzone".

5. Hans Lacher (1912-2003), Zeitzeugnis vom 29.5.1985

Hans Lacher, der von 1954 bis 1961 der Schweizer Delegation in Berlin vorstand, sah in seiner Aufgabe in Berlin insbesondere auch die Vermittlung der Schweizer Kultur. Das von Pro Helvetia geförderte Engagement stiess in der geteilten Stadt auf grosses Interesse und wurde sowohl von Ost- wie Westberlinern genossen. Im Westen wurde es als ein Zeichen der Solidarität mit der isolierten Stadt verstanden. Für den Osten war es bis zum Bau der Mauer eine Möglichkeit, sich mit westlichem Kulturschaffen aus der "neutralen" Schweiz auseinanderzusetzen.

6. Walther Hofer (1920*), Zeitzeugnis vom 11.12.1996

Auch der Historiker Walther Hofer war in gewisser Weise ein kultureller Botschafter der Schweiz. Ihm kam als Bürger der neutralen Schweiz die Aufgabe zu, als erster Historiker in Berlin die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit in Gang zu setzen. Bereits 1950 hielt er eine Vorlesung über die Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs ab. Zu seinen Studenten gehörten Wehrmachtsangehörige, die teilweise eben erst aus der sowjetischen Gefangenschaft zurückgekehrt waren. Bis 1959 lehrte er an der Freien Universität Berlin.

7. Marcel Brun (1928-2006), Ausschnitt aus Radio DDR 2

Der unter dem Pseudonym Jean Villain bekannte Schweizer Schriftsteller und Publizist übersiedelte 1961 – unmittelbar vor dem Mauerbau – in die DDR. Der sozialistische Staat wurde trotz der Widersprüche zwischen theoretischem Anspruch und gesellschaftspolitischer Wirklichkeit für den Schweizer in den folgenden Jahrzehnten zur Wahlheimat.

Bildergalerie

Hermann Böschenstein Urs Schwarz Max König Felix Schnyder Hans Lacher Walther Hofer Marcel Brun Ausstellungsvitrine zu Marcel Brun (© Archiv für Zeitgeschichte) Ausstellungsbesucher im AfZ-Lesesaal (© Archiv für Zeitgeschichte) Präsentation der Zeitzeugnisse von Schweizern in Berlin im AfZ-Lesesaal (© Archiv für Zeitgeschichte)