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Nachrichtendienst in der Schweiz

© Archiv für Zeitgeschichte (Nachlass Otto Pünter)
Otto Pünter: der damalige Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Bundeshausjournalisten an einer Kopfhöreranlage, 1953

Ein offizieller militärischer Nachrichtendienst existierte vor dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz nur ansatzweise. Erst Roger Masson, ab 1937 Chef der Nachrichtensektion, baute die militärisch-politische Nachrichtenbeschaffung aus. Parallel dazu entstanden privat betriebene Nachrichtendienste wie das legendäre «Büro Ha», geleitet von Hauptmann Hans Hausamann. Diese stellten ihre Informationsdienste dem sich im Aufbau befindenden militärischen Nachrichtendienst zur Verfügung, arbeiteten mit ausländischen Geheimdiensten zusammen oder belieferten ausserdem die Schweizer Presse mit Informationen.

Otto Pünter alias «Pakbo»

1927 gründete Otto Pünter den sozialdemokratischen Pressedienst «Insa» (Information S.A.). Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs versorgte dieser die linksorientierten schweizerischen Zeitungen mit Informationen aus dem Bundeshaus und aus dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien. Durch diese Tätigkeit und mithilfe des aufgebauten Beziehungsnetzes im In- und Ausland entstand ein antifaschistischer Nachrichtendienst unter dem Decknamen «Pakbo». Dieser belieferte die alliierten Geheimdienste mit Informationen aus Deutschland und aus von Deutschland besetzten Gebieten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Otto Pünter verschiedene leitende Positionen im Journalismus inne. So war er u.a. Leiter des Sozialdemokratischen Bundesstadt-Pressedienstes (sbp) und von 1956 bis 1965 erster Presse- und Informationschef der Schweizerischen Rundfunkgesellschaft (SRG), in welcher Funktion er die frühe Radio- und Fernsehgeschichte der Schweiz mitprägte. Spätestens seit den 1960er Jahren nahm die öffentliche Auseinandersetzung mit der nachrichtendienstlichen Tätigkeit der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zu. Otto Pünter sowie die «Gruppe Pakbo» rückten zunehmend in den Fokus des öffentlichen Interesses. Pünter selbst pubilzierte die Ereignisse und seine Erfahrungen aus dieser Zeit in autobiographischen Monografien.

Der Bestand im AfZ dokumentiert insbesondere die Tätigkeit der Presseagentur «Insa» sowie Otto Pünters Tätigkeit für die SRG. Einen Schwerpunkt bilden die dokumentarischen Dossiers zu zentralen politischen Themen in der Schweiz und im Ausland, welche Pünter im Rahmen seines Pressedienstes sowie seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit seit den 1930er Jahren angelegt hatte.

Rudolf Roessler alias «Lucy»

Einer der wichtigsten – und heute einer der bekanntesten – Nachrichtenlieferanten der Geheimdienste im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland war Rudolf Roessler. 1934 emigrierte er mit seiner Frau Olga in die Schweiz, wo er in Luzern den Vita-Nova-Verlag gründete und leitete, der deutsche Exilautoren publizierte.

Von 1939-1944 war Rudolf Roessler unter dem Decknamen «Lucy» für den schweizerischen Nachrichtendienst tätig («Büro Ha»), ab 1942 auch für den sowjetischen Nachrichtendienst in der Schweiz unter der Leitung von Sándor Radó (Deckname «Dora»).

Roessler wurde 1944 wegen fortgesetztem Nachrichtendienst gegen fremde Staaten von einem Divisionsgericht schuldig gesprochen, blieb jedoch straffrei. 1953 wurde er für seine nachrichtendienstliche Tätigkeit für die Tschechoslowakei in der Nachkriegszeit zusammen mit dem Publizisten Xaver Schnieper vom Bundesstrafgericht in Luzern zu einem Jahr Haft verurteilt. In beiden Prozessen agierte Gerhart Schürch, dessen Nachlass sich ebenfalls im AfZ befindet, als Strafverteidiger Roesslers. 1980 übergab er dem AfZ seine Unterlagen zu den beiden Prozessen. Später kam die umfangreiche Pressedokumentation Roesslers hinzu, aus welcher er für seine nachrichtendienstliche Arbeit für die Tschechoslowakei einen Teil seiner Informationen geschöpft hatte.

Mary Bancroft – eine amerikanische Agentin

Für den amerikanischen Geheimdienst arbeitete die seit Ende der 1930er Jahre in Zürich wohnhafte Amerikanerin Mary Bancroft. 1942 wurde sie durch das Office of Strategic Services (OSS) rekrutiert und war fortan an der US-Gesandtschaft in Bern als Mitarbeiterin von Allen W. Dulles tätig, dem OSS-Vertreter in der Schweiz. Sie übersetzte und verfasste Berichte sowie Analysen von Schriften und Ansprachen nationalsozialistischer Funktionsträger. Von Allen W. Dulles wurde Mary Bancroft mit Hans Bernd Gisevius bekannt gemacht, der 1940-1944 am deutschen Generalkonsulat in Zürich tätig war und im Januar 1945 nach dem gescheiterten Putschversuch vom 20. Juli 1944 aus Berlin in die Schweiz flüchten musste. Für ihn arbeitete Bancroft ebenfalls als Übersetzerin.

In den 1950er Jahren kehrte Mary Bancroft zurück in die USA, nach New York, und war dort für die Demokratische Partei in der Lokalpolitik aktiv. Sie ging journalistischen Tätigkeiten nach und verfasste verschiedene Romane mit autobiografischen Zügen, zuletzt «Autobiography of a Spy», der 1983 in New York erschien. 

2006 übergab Peter Hoffmann von der McGill University in Montreal dem AfZ Kopien von Briefen und Schriften von Mary Bancroft, darunter ein biografischer Bericht über Hans Bernd Gisevius, den sie anlässlich von dessen Zeugenaussage in den Nürnberger Prozessen verfasst hatte. Mit Gisevius korrespondierte sie noch bis kurz vor seinem Tod 1974. Diese Briefe sind teilweise ebenfalls im Kopienbestand enthalten.