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Emil Friedrich Rimensberger: Tagebücher

© Archiv für Zeitgeschichte (NL Emil Friedrich Rimensberger)
Emil Friedrich Rimensberger im Jahr 1955

Tagebuch über 45 Jahre

Dass jemand über 45 Jahre hinweg Tag für Tag das Erlebte und seine Gedanken dazu zu Papier bringt, ist bemerkenswert und gewiss nicht alltäglich. Der Mann, der eine solch aussergewöhnliche Ausdauer aufbrachte, heisst Emil Friedrich Rimensberger (1894-1962). Das Tagebuch ist Teil seines Nachlasses im Gesamtumfang von rund viereinhalb Laufmetern, welchen das Archiv für Zeitgeschichte 1981 als Schenkung entgegennehmen durfte. Inzwischen ist die rund 12'000 Seiten umfassende, durch seine Ehefrau Petronella Rimensberger angefertigte maschinenschriftliche Reinschrift digitalisiert und auf AfZ Online Collections mittels Volltextrecherche absuchbar.

Gewerkschaftsfunktionär, Redaktor und Diplomat

Geboren als Sohn eines Bankiers im thurgauischen Bischofszell wandte sich Rimensberger früh dem Journalismus zu. Bis ins Kriegsjahr 1940 war er während fast 20 Jahren als Dolmetscher des Internationalen Gewerkschaftsbunds (IGB) in Amsterdam, Berlin und Paris tätig, anschliessend in der Schweiz als Mitarbeiter und Redaktor bei der «Gewerkschaftlichen Rundschau» und der linksbürgerlich-gewerkschaftlichen Wochenzeitung «Die Nation». Seine berufliche Laufbahn krönte er mit der nach dem Krieg neugeschaffenen Funktion eines Sozialattachés an der Schweizer Gesandtschaft in Washington (1946-1957).
Mit dem kontinuierlichen Führen eines Tagebuchs begann Rimensberger 1927 im Alter von 33 Jahren. Den letzten Eintrag hat er am 17. November 1962, nur einen Tag vor seinem Tod, verfasst. Darin beklagt er das Verhalten gewisser «junger Leute» und schliesst mit dem etwas resigniert wirkenden Ausruf: «Welch eine Welt!».  In den Jahrzehnten dazwischen erlebte er die Zwischenkriegszeit mit den «Goldenen Zwanzigern» und der Weltwirtschaftskrise, den Aufstieg des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg sowie die Nachkriegszeit und den Kalten Krieg, viele Jahre davon im Ausland. Als wacher Beobachter dokumentierte und kommentierte er das Zeitgeschehen, wenn nicht unmittelbar für die breite Öffentlichkeit so wohl doch mit Blick auf die Nachwelt.

Chronist und Kommentator des Zeitgeschehens

Neben vielen Einträgen zum beruflichen und persönlichen Alltag thematisierte Rimensberger stets auch die «grosse Politik», darunter markante weltpolitische Wendepunkte von erheblicher Tragweite. Besonders eindrücklich ist etwa die aus unmittelbarer Nähe miterlebte Schilderung der fieberhaften politischen Atmosphäre in Berlin in den Wochen vor der «Machtergreifung» durch die Nationalsozialisten. Offensichtlich war ihm bewusst, dass es sich bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler nicht um einen «normalen» Regierungswechsel handelte. Einen Tag danach notierte er jedenfalls vielsagend: «Der 31. Januar ist die Stunde zwischen heute und morgen. Einen Augenblick lang scheint die Geschichte den Atem anzuhalten.»
Beim Untergang des «Tausendjährigen Reichs» zwölf Jahre später vermerkte er am 1. Mai 1945 zur offiziellen deutschen Version von Hitlers Ende sarkastisch: «Am Nachmittag teilte man uns erstaunten und tausendmal betrogenen Erdenbürgern mit, Adolf Hitler sei ‘in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen’. Seit wann fällt man in einem Befehlsunterstand und nun gar dem ‘bestausgebauten Befehlsunterstand der Welt’, im Kampf?» Und acht Jahre danach, am 4. März 1953, einen Tag vor Stalins Tod, zog er einen Vergleich zwischen den Reaktionen auf das Ende der beiden Diktatoren: «Seltsam: als in Europa die Nachricht umging, dass es mit Hitler bald aus und fertig sei, spürte man allüberall ein tiefes Aufatmen. Jeder dachte: Nun ist das Schlimmste vorbei. Nicht so heute bei der Nachricht über Stalin. Man sieht eher bedrückte Gesichter, die besagen: Welch noch grösserer Verbrecher wird nun folgen?»