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Einzelbestand Erwin und Alice Naef-With

© Archiv für Zeitgeschichte (Einzelbestand Erwin und Alice Naef-With)
Italienisch-schweizerische Grenze, vermutlich Pedrinate, September 1943

Private Briefe eines Oberleutnants der Schweizer Armee - neue Quellen zur Flüchtlingspolitik

Der Historiker Mario König bat Georg Kreis und Gregor Spuhler im Sommer 2013, für die historische Fachzeitschrift Traverse einen Brief des Oberleutnants Erwin Naef zu kommentieren, der die dramatische Rückweisung jüdischer Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs an der Schweizer Südgrenze bei Pedrinate (Chiasso) dokumentiert. Im Zuge der historischen Recherchen zeigte sich, dass der aussergewöhnliche Brief Teil eines rund zwei Jahrzehnte umfassenden Briefwechsels ist. Dieser Briefwechsel gibt vor allem Auskunft über die Anbahnung der Ehe zwischen dem Kaufmann Erwin Naef und Alice With, der Tochter eines Rorschacher Möbelfabrikanten, in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre, sowie über jene Phasen, in denen das Ehepaar durch den Militärdienst Erwin Naefs getrennt war.

Flüchtlinge und Kriegsalltag - Berichte an die "Heimatfront"

Naefs Berichte über jüdische Flüchtlinge und über junge Italiener, die sich nach der Besetzung Italiens durch die deutsche Wehrmacht im Herbst 1943 in der Schweiz  in Sicherheit bringen wollten, stellen innerhalb des Briefwechsels eine Ausnahme dar. Dies liegt daran, dass Naef und seine Soldaten als Armeeangehörige nur ausnahmsweise, als Reaktion auf die Fluchtwelle, zur Verstärkung der Grenzwacht abkommandiert waren. Im Zentrum steht hingegen die Kommunikation zwischen dem jungen Vater, der über Märsche im Gebirge und Gefechtsübungen berichtete, und der jungen Mutter, die an der "Heimatfront" mit kleinen Kindern und elterlichem Geschäft den Kriegsalltag bewältigen musste.

Erschliessung und Vermittlung der historischen Dokumente

Der Briefwechsel, zahlreiche Fotos sowie einige ergänzende Dokumente wurden dem Archiv für Zeitgeschichte von den Kindern des Ehepaars Naef-With Ende 2013 übergeben. Der Einzelbestand im Umfang von 0,3 Laufmetern wird gegenwärtig erschlossen und dem Publikum im Laufe des Jahres 2015 zugänglich gemacht. Über den Quellenbestand berichtet eine Multimedia-Reportage der Neuen Zürcher Zeitung, die in Zusammenarbeit mit dem AfZ entstanden ist.