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Digitalisierungsstrategie

© Archiv für Zeitgeschichte

Nach mehreren Pilotprojekten digitalisiert das Archiv für Zeitgeschichte seine Quellenbestände seit 2010 auf breiter Basis. Neben der Vermittlung an Lehre und Forschung steht insbesondere bei den audiovisuellen Quellen auch der Erhaltungsgedanke im Vordergrund.

Vermittlung und Erhaltung

Digitalisierung im Archiv für Zeitgeschichte bezweckt neben der Anlage einer eventuellen digitalen Ersatzkopie des Inhalts einen komfortableren Zugang zum Archivgut, sei es am Bildschirm im Lesesaal, sei es via Internet.

Dies erleichtert die Forschung, schont Originale und ist die Basis einer differenzierten Raumbewirtschaftung. Digitalisierte Originale müssen nicht mehr unter hohen Lagerkosten im Stadtzentrum aufbewahrt, sondern können in Aussenmagazine verschoben werden.

Auf der Basis der Erfahrungen im Pilotbetrieb etablierte sich für die verschiedenen Quellenarten folgende Praxis:

Quellenart

Projekte und Prioritäten

Durchführung

Schriftgut

  • Projekt Zeitgeschichte.digital: Zentrale Quellenbestände zur Jüdischen Zeitgeschichte (Kooperation mit dem United Holocaust Memorial Museum USHMM)
  • Zentrale jüdische Periodika
  • Zentrale Aufzeichnungen (z.B. Protokollserien) in Beständen der Bereiche Politische Zeitgeschichte sowie Wirtschaft und Zeitgeschichte
  • DigiCenter ETH
     
  • Dienstleister
  • DigiCenter ETH / AfZ

Bilder/Grafiken

  • Erschlossene Bilder und Grafiken
  • Leihgaben
  • AfZ

Fotografien

  • Erschlossene einzelne Fotodossiers, Kleinprojekte
  • Mittlere und Grossprojekte
  • Leihgaben
  • AfZ
  • Dienstleister
  • AfZ

Tondokumente

  • Erschlossene Unikat-Tonaufzeichnungen in Beständen
  • Tonbänder und Audiokassetten
  • Spezielle Tonträger
  • AfZ
  • AfZ
  • Dienstleister

Filme

  • Erschlossene Unikat-Filme
  • Dienstleister

Videos

  • Erschlossene Unikat-Videos (insb. Zeitzeugeninterviews)
  • Dienstleister

Erhalten

© Archiv für Zeitgeschichte

Das Archiv für Zeitgeschichte verfolgt bei der Erhaltung von Archivgut folgende strategische Ansätze:

Vorbeugung

Als Teil der vorarchivischen Beratung empfiehlt das Archiv die Verwendung archivtauglicher Trägermaterialien, Aufzeichnungstechnologien und (Datei)formate.

Konservierung und Bewahrung

Das überantwortete Archivgut wird - wo nötig - vor der Übernahme konservatorischen Sofortmassnahmen unterworfen. Generell wird es in archivtaugliche Behältnisse verpackt und in einem für die Langzeiterhaltung günstigen Raumklima in den Magazinen gelagert. Für das elektronische Archivgut beteiligt sich das Archiv für Zeitgeschichte an der Erarbeitung von Lösungen zur digitalen Langzeitarchivierung, die internationale Standards (Open Archival Information System - OAIS) erfüllen.

Restaurierung und Konvertierung

Im Rahmen seiner Möglichkeiten restauriert das Archiv für Zeitgeschichte besonders wertvolle Originale und digitalisiert sein Archivgut mit dem primären Ziel der elektronischen Vermittlung der Inhalte zur Schonung der Originale und dem sekundären Ziel der Anlage einer eventuellen digitalen Ersatzkopie.

Sicherung bewegter Bilder

© Archiv für Zeitgeschichte
Filmstill aus "Yan'an" (Nachlass Walter Bosshard)

Filmbestände Walter Bosshard und Carl Lutz

Walter Bosshard (1892-1975) und Carl Lutz (1895-1975) waren Schweizer, die einen grossen Teil ihres Lebens im Ausland verbrachten. Bosshard entwickelte sich als Fotojournalist und NZZ-Korrespondent in Asien sowie an den Kriegsschauplätzen in Europa zu einem der bedeutenden Pioniere der Bildberichterstattung. Lutz verzichtete auf eine Karriere als professioneller Fotograf und trat für die Schweiz in den diplomatischen Dienst. Dieser führte ihn in die Vereinigten Staaten, nach Palästina und Ungarn, wo er 1944 unter anderem durch die Ausstellung von Schutzpässen Tausenden von jüdischen Verfolgten das Leben rettete.

Beide fingen ihre Eindrücke und Erlebnisse auch mit der 16mm-Filmkamera ein. In ihren Nachlässen sind neben zahlreichen Fotografien über 60 Filmrollen erhalten geblieben, mit einmaligen Aufnahmen vornehmlich aus der Schweiz, China, Palästina, Israel sowie den Vereinigten Staaten. Sie zeigen sowohl zeitgeschichtliche Ereignisse und Persönlichkeiten, als auch das alltägliche Leben in den genannten Ländern und dokumentieren gleichzeitig die Begegnung mit der fremden wie auch der eigenen Kultur.

Projektziel

Angesichts des Unikatscharakters und auch des teilweise problematischen Zustands der Originalfilme waren einige davon in den 1990er Jahre im Sinne einer provisorischen Sicherung und im Interesse der Benutzbarkeit auf Videoformate (BETACAM, VHS) übertragen worden. Nach eingehender Bewertung entschloss sich das Archiv für Zeitgeschichte, eine breite Auswahl der Filme auf neuen analogen Polyester-Trägermedien langfristig zu sichern.

Projektverlauf

Die Realisierung des Projekts verlief in enger Zusammenarbeit mit dem Verein MEMORIAV, der sein Kompetenznetzwerk zur Verfügung stellte und einen Teil des finanziellen Aufwands übernahm. Die Herstellung der Sicherungskopien wurde im April 2011 einer Dienstleisterin in Zürich übertragen, nachdem die Filme vorgängig konservatorisch behandelt worden waren. Im Juli 2011 konnten diese Arbeiten abgeschlossen werden.

Parallel zur Sicherung wurden die bestehenden Daten zu den Filminhalten für den inskünftigen Aufruf via AfZ Online Archives sowie auf der Datenbank von MEMORIAV ergänzt. Sämtliche Filme von Carl Lutz und Walter Bosshard sind im Lesesaal des Archivs für Zeitgeschichte in digitaler Form frei zugänglich. Seit Abschluss des Projekts stehen die Filme der Forschung und der zeitgeschichtlich interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Zeitgeschichte.digital

Digitalisierung ungedruckten Schriftguts

© Archiv für Zeitgeschichte

Projektziel

In Kooperation mit dem US Holocaust Memorial Museum (USHMM) und weiteren Sponsoren werden bis 2015 zentrale Quellenbestände des Archivs für Zeitgeschichte digitalisiert und ausgewählte Teile davon online zugänglich gemacht.

Ein bereits integral in digitaler Form verfügbarer Bestand ist das Archiv der Union Jüdischer Flüchtlinge.

Projektverlauf

Die Digitalisierung von gebundenen Werken, also Büchern und Zeitschriften, ist heute weitgehend automatisiert und wird von Bibliotheken weltweit im grossen Stil vorangetrieben. Die Digitalisierung von losem Schriftgut kennt dagegen kaum standardisierte Verfahren.

Zeitgeschichte.digital unterscheidet sich von der Vielzahl bisheriger Digitalisierungsprojekte in der Schweiz dadurch, dass Quellenbestände integral und nicht nur etwa ausgewählte Protokollserien digitalisiert werden. Einer rationellen Verarbeitung steht hier die Tatsache entgegen, dass man in traditionellen Archivdossiers bunt gemischt geklammerte und lose Blätter verschiedenster Formate und Stärken, gebundene Broschüren sowie gefaltete Dokumente und Papiere in Übergrössen vorfindet.

Anlässlich der geplanten Kooperation mit dem US Holocaust Memorial Museum prüfte das Archiv für Zeitgeschichte Varianten der Digitalisierung und nachgeschalteten Mikroverfilmung von Archivgut. Es zeigte sich, dass eine neue Generation von Einzugsscannern in der Lage ist, loses Papier in Formaten von Postkartengrösse bis A3 und Stärken von 40 bis 200 g pro Quadratmeter zu verarbeiten. Bei optimaler Vorbereitung können bis zu 120 Dokumentseiten pro Minute doppelseitig digitalisiert werden, ohne dass zu befürchten ist, dass das Archivgut beim Einzug in den Scanner beschädigt wird.

Angesichts dieser Möglichkeiten beantragte das Archiv für Zeitgeschichte beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und der ETH Zürich den Aufbau einer technischen Infrastruktur, welche die möglichst rationelle Digitalisierung von grossen Archivgutmengen erlaubt. Nach dem positiven Entscheid von SNF und ETH wurde in der ersten Jahreshälfte 2010 im DigiCenter der ETH-Bibliothek ein innovatives und in der Schweiz bisher einzigartiges System aufgebaut. Seit dem produktiven Start im Juli 2010 digitalisierte es bis Dezember 2017 über 2,6 Milionen Dokumentseiten.