Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG)

Gegr. 1904

Daten zur Geschichte

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) konstituierte sich am 27. Nov. 1904 in Baden.  Als Dachorganisation der beigetretenen 13 jüdischen Gemeinden erklärte er es zu seinem Hauptziel, das Schächtverbot aufzuheben, das 1893 in die Schweizerische Bundesverfassung aufgenommen worden war. Ausserdem bestanden trotz der verfassungsmässigen Gleichstellung von 1874 vielfältige Formen der Diskriminierung, wie zum Beispiel die restriktive Einbürgerungspraxis gegenüber jüdischen Zuwanderern, die es zu bekämpfen galt. Seit dem Ersten Weltkrieg weiteten sich die Aufgaben des SIG aus (Verwaltung jüdischer Friedhöfe, Zentralisation der Armenpflege, Vermittlung von jüdischen Wanderlehrern, Feiertagsurlaube für jüdische Soldaten, Engagement für notleidende Juden in Pogromländern). 1926 erhielt der SIG von den Behörden die ausschliessliche Einfuhrlizenz für geschächtetes Fleisch.
1929 begann der SIG eine Zusammenarbeit mit der Jewish Agency und baute in der Folge seine Beziehungen zu zionistischen und nichtzionistischen jüdischen Organisationen aus. Als die Frontenbewegung offen gegen jüdische Personen und Geschäfte in der Schweiz zu hetzen begann, setzte sich der SIG aktiv zur Wehr. Er gründete 1936 die Pressestelle "Jüdische Nachrichten", die mit ihrem Informationsdienst gegen den zunehmenden Antisemitismus ankämpfte und das
JUNA-Archiv aufbaute. Seit Hitlers Machtübernahme und verstärkt seit dem "Anschluss" Österreichs 1938 wurde die Betreuung jüdischer Flüchtlinge zu einer Hauptaufgabe des SIG.  Die Schweizer Behörden verlangten vom SIG, dass er für eine baldige Weiterwanderung der Flüchtlinge besorgt sein müsse und dass er den finanziellen Unterhalt der Flüchtlinge selbst zu bestreiten habe. Die Hilfstätigkeit des SIG, die durch die im JOINT zusammengeschlossenen amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisationen unterstützt wurde, nahm der "Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen/Flüchtlingshilfen" (VSJF) wahr (vgl dessen Archiv, sowie Nachlass Saly Mayer im Joint Archiv). Nach 1945 kamen zu den bisherigen Aufgaben neue hinzu. Die Nachkriegshilfe für überlebende Juden im zerstörten Europa war nun vor allem auf den Aufbau einer neuen Heimat in Israel ausgerichtet. In der Schweiz wurde die jüdische Gemeindearbeit im kulturellen und religiösen Bereich gepflegt und ausgebaut. Eine neue Phase begann auch im christlich-jüdischen Dialog.
Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die Hilfe für die Opfer und die Aufarbeitung der schweizerischen Flüchtlingspolitik blieben ständige Anliegen, für die sich der SIG einsetzte. Das Geschäftsarchiv des SIG dokumentiert diese Aktivitäten und zahlreiche andere Themenbereiche, die die Interessen der jüdischen Bevölkerung sowie deren politisches Engagement aufzeigen.

Historisches Geschäftsarchiv (1902-1985)

70 Lfm; Übernahme 1998; Verzeichnis 1999

Geschäftsakten Protokolle (Vorakten und konstituierende Versammlung 1902, 1904; Delegiertenversammlungen und Central-Comitee-Sitzungen ab 1908; Geschäftsausschuss 1932-1944; Geschäftsleitung ab 1944; Präsidentenkonferenzen ab 1973); Statuten; Jahresberichte; Finanzen; Soziales; Korrespondenz mit jüdischen Gemeinden; Beziehungen zu jüdischen Organisationen im In- und Ausland; Handakten bzw. Unterlagen einzelner SIG-Mitarbeiter Personendossiers Abba Eban, David Farbstein, Nahum Goldmann, Golda Meïr u. a. Kulturelles/Religiöses Schächtfrage, Koscherfleisch, Friedhöfe, Jüdische Schulen, Lehrer- und Kantorenverband, Beziehungen zu diversen kulturellen und religiösen Organisationen, Protokolle Kulturkommission u. a. Prozesse Ehrverletzungsklagen, Fall Mordechai Rachamim (Verfahren im Zusammenhang mit dem Anschlag auf ein El Al-Flugzeug auf dem Flughafen Kloten vom 18.2.1969), Fall Frauenknecht u. a. Jugendressort Jugendorganisationen, Sportklubs, Veranstaltungen, Ferienkolonien, Jugendlager u. a. Hilfe und Aufbau Wiedergutmachung, Arbeitsvermittlung, Hilfsaktionen, Sammlungen Internationales/Internationale Organisationen Zionismus, Beziehungen zu Israel, "World Jewish Congress", JOINT, WIZO, O.R.T., OSE u. a. Presse und Information "Jüdische Rundschau", "Israelitisches Wochenblatt" u. a.

Literatur Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund 1904-1954: Festschrift zum 50jährigen Bestehen, hg. vom SIG, Basel 1954.
Augusta Weldler-Steinberg: Geschichte der Juden in der Schweiz vom 16. Jahrhundert bis nach der Emanzipation, bearb. und ergänzt durch Florence Guggenheim-Grünberg, hg. vom SIG, Goldach, Bd. 1 1966, Bd. 2 1970.
Jacques Picard: Die Schweiz und die Juden 1933-1945: Schweizerischer Antisemitismus, jüdische Abwehr und internationale Migrations- und Flüchtlingspolitik, Zürich 1994.


© 2001 Archiv für Zeitgeschichte
Letztes Update: 2 April, 2004

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